Ch. W. Gluck

Vita

1714-1752

Christoph Willibald Gluck wurde am 2. Juli 1714 als Sohn des Försters Alexander Gluck und dessen Ehefrau Maria Walburga in Erasbach in der Oberpfalz geboren, wo er seine ersten drei Lebensjahre verbrachte, bevor die Familie 1717 ins nordböhmische Reichstadt übersiedelte. Hier fand der Vater eine Anstellung als Oberförster bei der Herzogin Anna Maria Franziska von Toskana. 1722 folgte ein weiterer Umzug, diesmal nach Oberkreibitz, wo Alexander Gluck Forstmeister des Grafen Philipp Joseph von Kinsky wurde. Ob Gluck bereits in Reichstadt oder erst in Oberkreibitz die Schule besuchte, ist nicht nachgewiesen. Bereits fünf Jahre später zog die Familie erneut um, da der Vater in Eisenberg beim Grafen Philipp Hyazinth von Lobkowitz eine Stelle angenommen hatte. Nach den Memoiren des Malers Johann Christian von Mannlich, in denen er ausführlich Glucks Aufenthalt in Paris und die dabei geäußerten Jugenderrinerungen schildert, schwelte zwischen Vater und Sohn bereits längere Zeit ein Konflikt, da die musikalische Passion Christophs dem Vater ein Dorn im Auge war. Vermutlich führte dieser Konflikt im Jahre 1730 dazu, dass der gerade 16-jährige Gluck das Elternhaus verließ. Sein Weg, den er sich u. a. durch das Musizieren auf der Maultrommel finanzierte, führte ihn nach Prag, wo er sich an der Universität als Student der Logik und Mathematik einschrieb. Dauer und Abschluss seiner akademischen Ausbildung sind nicht bekannt. Auch wenn aus dieser Zeit keine Kompositionen Glucks erhalten sind, so kann davon ausgegangen werden, dass Gluck durch den Besuch von italienischen Opere serie am Prager Operntheater des Grafen Franz Anton von Sporck und Kirchenmusik an den Prager Kirchen neue musikalische Eindrücke gewann.

Nach mehrjährigem Aufenthalt in Prag zog Gluck weiter nach Wien, wo er im Palais des Fürsten Lobkowitz unterkam und Mitglied der Hauskapelle wurde. Von hier aus wechselte er 1737 zum Fürsten Antonio Maria Melzi nach Mailand, der ihn für seine Hausmusik engagierte. In Mailand machte Gluck die Bekanntschaft Giovanni Battista Sammartinis, der zu dieser Zeit als der führende Komponist der Stadt galt und wahrscheinlich Glucks Lehrmeister wurde. In Mailand entstand Glucks erste überlieferte Oper, die Opera seria Artaserse nach dem Text von Metastasio, die 1741 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. In den folgenden vier Jahren gelangten sechs weitere Opern in Oberitalien zur Aufführung: 1742 Cleonice (Demetrio) in Venedig, 1743 Demofoonte in Mailand und Il Tigrane in Crema, 1744 La  Sofonisba in Mailand, Ipermestra in Venedig und Poro (Allessandro nell´Indie) in Turin. Desweiteren steuerte Gluck zum Pasticcio Arsace, das in Venedig zur Aufführung gelangte, mindestens zwei Arien bei und komponierte ein Miserere für achtstimmigen gemischten Chor, dessen Musik heute verschollen ist. Mit der Aufführung von Ippolito in Mailand 1745 endete Glucks erster Aufenthalt in Italien.

Von hier aus reiste Gluck nach London, um einem Kompositionsauftrag für das King´s Theatre am Haymarket über zwei Opern, La caduta dei giganti und Artamene, nachzukommen. Georg Friedrich Händel lernte Gluck bei einem gemeinsamen Benefizkonzert kennen. Nachdem der große Erfolg in London ausblieb, schloss Gluck sich 1747 der in Hamburg gastierenden Wanderoperntruppe Pietro Mingottis an. Als ersten Kompositionsauftrag für die Mingotti-Truppe schrieb Gluck die Oper Le Nozze d´Ercole e d´Ebe, die bei der bayerisch-sächsischen Doppelhochzeit im Schlosspark zu Pillnitz bei Dresden aufgeführt wurde. Nachdem diese großen Anklang fand, verbreitete sich der Name Gluck bis nach Wien, woraufhin er den ersten Auftrag für das Wiener Burgtheater erhielt: Anlässlich der Wiedereröffnung des renovierten Theaters zu Maria Theresias Geburtstag am 13. Mai 1748 schrieb Gluck die Semiramide riconosciuta auf das Libretto Metastasios. Auch diese Aufführung wurde ein großer Erfolg.

1749 kehrte Gluck zur Theatertruppe Mingottis zurück, deren nächste Station Kopenhagen war. Anlässlich der Geburt des dänischen Thronfolgers Christian VII. vertonte Gluck La contesa dei Numi, die in Schloss Charlottenborg aufgeführt wurde. Danach wechselte er von der Truppe Mingottis zu der Giovanni Battista Locatellis, die sich in Prag befand, wo im Januar 1750 die Uraufführung von Glucks Ezio stattfand. Im September des Jahres heiratete Gluck in Wien die aus einer wohlhabenden Familie stammende Maria Anna Bergin. Bevor sich Gluck endgültig in Wien niederließ, reiste er 1752 zur Aufführung der Issipile nach Prag und Neapel. Für Neapel hatte Gluck La clemenza di Tito vertont, deren Aria „Se mai senti spirati sul volto“ aufgrund ihrer Neuartigkeit zu einer Kontroverse unter den neapolitanischen Musikern führte.

1752-1772

Zurück in Wien wirkte Gluck als Kapellmeister und Komponist der Hauskapelle des Prinzen Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen. Im Herbst 1754 veranstaltete der Prinz auf seinem Besitz Schloßhof an der March ein mehrtägiges Fest, dessen Zweck darin bestand, das Hildburghausen‘sche Anwesen der Kaiserin Maria Theresia zu präsentieren und anschließend zu veräußern. Glucks musikalischer Beitrag bestand in der Komposition von Le Cinesi sowie der Cori da cantarsi a Schlosshof, alle Werke nach Texten von Metastasio. Nach der  Wiederholung von Le Cinesi am Burgtheater und der Uraufführung von La danza zum Geburtstag des Erzherzog Leopold 1755, erhielt Gluck den Auftrag zur Komposition von „Theatral- und Akademiemusik“ für beide Hoftheater und somit den ersten offiziellen Posten am kaiserlichen Hof. Das erste Werk, das er in diesem Sinne schuf, war L´innocenza giustificata, die zum Geburtstag des Kaisers Franz I. Stephan am Burgtheater uraufgeführt wurde.

Es folgte eine Reise nach Rom, wo Gluck zur Eröffnung des Teatro Argentina die Oper Antigono komponierte und den päpstlichen Orden und den Titel „Ritter vom goldenen Sporn“ erhielt, der später auch an Mozart vergeben wurde. Seitdem wurde Gluck häufig als „Chevalier“ bzw. „Ritter“ Gluck bezeichnet. Ebenfalls auf dieser Reise wurde Gluck in den Dichterzirkel „Accademia dell´Arcadia“ aufgenommen, deren künstlerisches Ideal in der Hinwendung zur antiken Klassik und zum frühneuzeitlichen Rationalismus Descartes bestand. Zurück in Wien komponierte Gluck wie im Vorjahr die Oper zu Ehren des Geburtstags des Kaisers Il re pastore. Nachdem sich der Staatskanzler Graf Kaunitz, der auch für kulturpolitische Belange zuständig war, um enge Verbindungen zwischen Wien und Paris bemühte, kam es 1752 zum Engagement einer französischen Theatertruppe für das Burgtheater. Viermal in der Woche veranstaltete sie Theaterabende, die aus einem Schauspiel, komischer Oper und Ballett bestanden. Damit begann Gluck die Reihe seiner Wiener Opéras-comiques: La Fausse Esclave und L´Île de Merlin ou Le Monde renversé wurden im Jahr 1758 aufgeführt. Im darauffolgenden Jahr kamen La Cythère assiegée, Le Diable à quatre ou La Double Métamorphose und L´Arbre enchanté ou Le Tuteur dupé auf die Bühne. Es folgten 1760 L´Ivrogne corrigé und 1761 Le Cadi dupé. Im April des Jahres 1759 wurde Gluck zum Ballettmusik-Komponist der Wiener Hoftheater und zusätzlich zum „Director der Theatral-Music“ ernannt. Zur Hochzeit Erzherzog Josephs und der Prinzessin Isabella von Bourbon-Parma am 7. Oktober 1760 vertonte Gluck die Serenata Tetide. Die Uraufführung fand am 10. Oktober im Redoutensaal der Wiener Hofburg mit Caterina Gabrielli und Giovanni Manzuoli statt, während die eigentliche Festoper zu diesem Anlass, Alcide al bivio, von dem kurz zuvor in Wien eingetroffenen Johann Adolph Hasse komponiert wurde.

Ein einschneidendes Ereignis für den weiteren Schaffensprozess Glucks bildete die Ankunft des italienischen Schriftstellers und Librettisten Ranieri de‘ Calzabigis im Jahr 1761. Gemeinsam mit dem Tänzer und Choreographen Gasparo Angiolini entstand die Ballett-Pantomime Don Juan ou Le Festin de pierre, die auf großes Publikumsinteresse stieß und mehrfach wiederholt wurde. Im zu dieser Produktion gedruckten Szenar formulierte Angiolini seine Ideen zum pantomimischen Handlungsballett, die in der Hinwendung zur Natürlichkeit und der Forderung nach szenischer Darstellung durch den Tanz bestanden, und daher mit den künstlerischen Idealen Glucks und Calzabigis konform ging.

Nach Don Juan folgte Glucks zweites pantomimisches Handlungsballett Citera assediata im darauffolgenden Jahr 1762, dessen Musik heute verschollen ist. Drei Wochen danach, einen Tag nach dem Namenstag des Kaisers, am 5. Oktober, fand die Uraufführung der Azione teatrale Orfeo ed Euridice statt, der ersten Opera seria, in der Gluck seine Reformgedanken weitgehend verwirklichte. Den Text dazu verfasste Calzabigi. Gluck schwebte eine Oper vor, deren oberstes Prinzip in der Abbildung der natürlichen Handlungsabläufen besteht, die im aristotelischen Sinne den Zuschauer rühren und somit läutern solle. Ähnliche Gedanken fanden sich bei verschiedenen Zeitgenossen Glucks. So stellte der Literat Francesco Algarotti in seinem Saggio sopra l´opera in musica die Forderung, die Arien mögen nicht die Handlung kommentieren, sondern selbst natürlicher Teil der Handlung sein, bei Johann Joachim Winckelmann und Jean-Jacques Rousseau fand sich der Gedanke der Natürlichkeit und Einfachheit, den sie im Vorbild der griechischen Antike idealisierten.

1763 reiste Gluck in Begleitung von Carl Ditters von Dittersdorf über Venedig nach Bologna, wo Glucks Oper Il trionfo di Clelia am 14. Mai uraufgeführt wurde. Zurück in Wien widmete sich Gluck zunächst der Wiederaufnahme seines Orfeo. Für die Produktion des Ezio am Burgtheater nahm er eine umfassende Überarbeitung der Prager Partitur von 1750 vor. Das Jahr 1764 begann mit der Aufführung der Opéra-comique La Rencontre imprévue.

In Begleitung des Grafen Durazzo, Intendant des Burgtheaters, und des Librettisten Marco Coltellini reiste Gluck nach Paris, wo die Drucklegung seines Orfeo vorbereitet wurde. Auf dem Rückweg machte er Station in Frankfurt am Main, wo er an den Festlichkeiten zur Krönung Josephs II. zum römischen König teilnahm. Zurück in Wien fand die Uraufführung der Ballettpantomime Les Amours d´Alexandre et de Roxane (Alessandro) am Burgtheater statt. Für die zweite Hochzeit Josephs II. mit Maria Josefa von Bayern komponierte Gluck mehrere musikdramatische Werke, die im Januar 1765 innerhalb einer Woche aufgeführt wurden. Zunächst – am 24. Januar – fand die Aufführung der Serenata Il Parnaso confuso in Schönbrunn statt, am 30. Januar die Festoper Telemaco ossia L´isola di Circe und schließlich am 31. Januar die von Angiolini choreographierte Ballettpantomime Semiramis, beide im Burgtheater. Während Il Parnaso confuso begeisterte Aufnahme fand, was sicherlich nicht zuletzt an der Beteiligung der kaiserlichen Familie lag, konnte der Telemaco weniger überzeugen, die Semiramis rief aufgrund der realistischen Darstellung der dramatischen Handlung sogar Entsetzen hervor.

Anlässlich der Vermählung Erzherzog Leopolds mit der Prinzessin Maria Ludovica von Spanien hielt sich der Hof im Sommer 1765 in Innsbruck auf, wo Kaiser Franz I. Stephan am 18. August starb. Eine geplante Aufführung von Glucks Azione teatrale La corona wurde daraufhin abgesagt. Die Uraufführung der Oper fand erst am 13. November 1987 im Rahmen des Gluck-Kongresses, aber an ihrem Bestimmungsort Schönbrunn statt.

Der Wunsch des Großherzog Leopolds von Toskana, Gluck solle einen Prolog zu Traettas Ifigenia in Tauride komponieren, führte den Komponisten im Jahr 1767 nach Florenz. Am 26. Dezember desselben Jahres fand am Wiener Burgtheater die Uraufführung der Tragedia per musica Alceste statt, die in enger Zusammenarbeit mit Calzabigi entstanden war. Gluck selbst äußerte sich im Vorwort des Partiturdrucks der Alceste zu seinen und Calzabigis künstlerischen Idealen in Form einer Widmung an Großherzog Leopold, die jedoch eher einem künstlerischen Manifest entsprach. Die Aufführung wurde kontrovers aufgenommen; auch wenn die musikalischen und textlichen Qualitäten des Werks durchaus registriert wurden, so fand die als zu tragisch und düster empfundene Handlung wenig Resonanz.

Im Jahr 1768 kaufte Gluck ein Haus am Rennweg, in das das Ehepaar mit der adoptierten Nichte Glucks, Marianna Hedler, genannt Nanette, zog. Anfang des darauffolgenden Jahres reiste Gluck im Auftrag des Wiener Hofes nach Parma und führte dort zur Hochzeit der habsburgischen Erzherzogin Maria Amalia mit dem Infanten Ferdinand von
Parma Le feste d´Apollo auf, eine aus einem Prolog und drei selbstständigen Akten (Atto d´Aristeo, Atto di Bauci e Filemone und Atto d´Orfeo) bestehende Festoper. Im gleichen Jahr schloss Gluck einen Vertrag mit Giuseppe d´Afflisio und Francesco Lopresti zur gemeinsamen Leitung des Wiener Burgtheaters ab.

1770 wurde Glucks Orfeo ed Euridice in einer Neuinszenierung am Wiener Burgtheater wiederaufgenommen. Als letztes Produkt der Zusammenarbeit Glucks mit Calzabigi fand im gleichen Jahr die Uraufführung von Paride ed Elena am Wiener Burgtheater statt, die mit mäßigem Erfolg aufgenommen wurde. Nach dem Misserfolg lebte Gluck zurückgezogen in Wien. Er arbeitete wohl hauptsächlich an der Vertonung von Hermanns Schlacht, die der Autor Friedrich Gottlieb Klopstock dem Kaiser widmete. Auch wenn mehrere Zeitzeugen davon berichteten, dass Gluck Teile daraus vortrug, ist sie heute nicht überliefert.

Im Oktober 1773 veröffentlichte der Mercure de France einen Brief Francois Louis Gand Leblanc Du Roullets, Diplomat an der französischen Botschaft in Wien, in dem dieser seine Iphigénie als die Umwandlung der Dichtung Racines in ein Operntextbuch vorstellte. Als idealen Komponisten für die Vertonung benannte Du Roullet Gluck. Gluck antwortete darauf ebenfalls im Mercure mit einem offenen Brief, wodurch ein Vertrag mit der Académie Royale de Musique zustande kam, in dem er sich zur Komposition von sechs Opern für Pariser Bühnen verpflichtete.

1773-1787

Spätestens Anfang November 1773 brach Gluck in Begleitung seiner Ehefrau und seiner Adoptivtochter Nanette zur ersten Reise nach Paris auf. Wichtige Kontaktpersonen in Paris waren der österreichische Botschafter Florimond Claude Graf von Mercy Argenteau und sein Sekretär Franz Kruthoffer, mit dem Gluck von 1775 bis 1783 einen aufschlussreichen und freundschaftlichen Briefwechsel führte. Gluck wohnte im Palais des Herzogs Christian IV. von Zweibrücken und machte hier die Bekanntschaft des Malers Johann Christian von Mannlich, der in seinen später verfassten Lebenserinnerungen ausführlich über Gluck in Paris berichtete.  

Die Uraufführung der ersten französischen Oper im Reformstil Iphigénie en Aulide am 19. April 1774 an der Pariser Académie Royale de Musique wurde ein großer Publikumserfolg und machte Gluck auf einen Schlag in Paris bekannt. Die Probenarbeit gestaltete sich offenbar schwierig und anstrengend, da Gluck von seinen Sängern nicht nur musikalische Höchstleistungen verlangte, sondern auch auf eine überzeugende darstellerische Ausführung drang, wie Mannlich in seinen Erinnerungen beschreibt. Das Werk erlebte nur fünf Vorstellungen, da nach dem Tod Ludwigs XV. am 10. Mai die Theater vorübergehend geschlossen wurden. Am 2. August fand die Premiere der zweiten für Paris komponierten Oper Glucks statt: Orphée et Euridice, eine Bearbeitung des Wiener Orfeo von 1762. Nachdem auch diese Aufführung ein glänzender Erfolg wurde, gewährte Marie Antoinette Gluck eine jährliche Pension von 6000 livres. Mitte Oktober verließ Gluck Paris und kehrte über Zweibrücken, Mannheim und Schwetzingen nach Wien zurück, wo er am 18. Oktober von Kaiserin Maria Theresia zum „Hofcompositeur“ ernannt wurde. Bereits einen Monat später brach Gluck zum zweiten Mal nach Paris auf. Auf der Reise kam es in Karlsruhe zur Begegnung mit Friedrich Gottlieb Klopstock, bei der Nanette einige der von Gluck vertonten Oden des Dichters vortrug.

 

Am 13. Januar 1775 fand an der Pariser Académie Royale de Musique die Premiere der zweiten Fassung von Glucks Iphigénie en Aulide statt, die aufgrund der spontanen Huldigungen an die Königin Marie Antoinette während der Vorstellung Aufsehen erregt. Wegen des großen Erfolgs beschloss Gluck mehrere seiner Wiener Opéras-comiques für die Pariser Bühnen zu bearbeiten, zunächst Le cadi dupé, die als Comédie chinoise in zwei Akten unter dem Titel Le Mandarin aufgeführt wurde. Am 27. Januar folgte die zweite Fassung von L´Arbre enchanté in Versailles, die Uraufführung der Neufassung von Cythère assiégée fand am 1. August an der Académie Royale de Musique in Abwesenheit Glucks statt, der Mitte März aus Paris abgereist und nach einem neuerlichen Zusammentreffen mit Klopstock in Karlsruhe und Rastatt Ende März nach Wien heimgereist war. Seine ursprünglich für den Sommer geplante Rückkehr nach Paris musste Gluck krankheitsbedingt verschieben. In Wien arbeitete er an einer französischen Adaption seiner Alceste und beschäftigte sich mit dem Textbuch zu Quinaults Armide.

Mitte Februar 1776 konnte Gluck seine dritte Reise nach Paris antreten, bei der die Premiere der französischen Alceste im Vordergrund seines Interesses stand. Angesichts der schlechten Resonanz nahmen Gluck und Du Roullet, der für die französische Bearbeitung des Textes verantwortlich war, eine umfassende Überarbeitung vor. Währenddessen erreichte Gluck die Nachricht vom Tod seiner Nichte Nanette, die mit Glucks Ehefrau in Wien geblieben war. Schwer erschüttert kehrte er dorthin zurück.

In seiner Abwesenheit entbrannte in Paris eine Kontroverse zwischen den Anhängern Glucks und denen der italienischen Oper, die sich durch die Komponistenpersönlichkeit Piccinni repräsentiert sahen. An der vor allem in Zeitungen und anderen Druckschriften ausgetragenen Diskussion beteiligte sich Gluck selbst lediglich mit zwei Stellungnahmen, in denen er seine grundlegende Position darstellte. Die begonnen Arbeiten an Roland stellte Gluck ein, als er erfuhr, dass die Académie Royale de Musique Piccinni, der in der Zwischenzeit auf Einladung Marie Antoinettes in Paris eingetroffen war, mit der Vertonung desselben Dramas beauftragt hatte. Stattdessen konzentrierte er sich nunmehr auf die bereits im Vorjahr begonnene Komposition Armide nach dem Textbuch Philippe Quinaults.

Zur Aufführung der Armide unternahm Gluck in Begleitung seiner Frau die vierte Reise nach Paris. Die Probenarbeit wurde von Gluckisten und Piccinnisten mit großem Interesse begleitet. Die Reaktionen auf die mit Spannung erwartete Premiere waren zunächst geteilt, der Erfolg stellte sich erst nach einer Weile ein. Zurück in Wien widmete er sich der Komposition der letzten beiden für Paris geschaffenen Werke, Iphigénie en Tauride und Echo et Narcisse. Das Vorhaben, nochmals eine Dichtung Calzabigis in Musik zu setzen, gab Gluck auf und überließ das Textbuch, zur Verärgerung Calzabigis, seinem Schüler Antonio Salieri, dessen Tragédie lyrique Les Danaïdes schließlich am 26. April 1784 in Paris aufgeführt wurde.

Anfang November 1778 brach Gluck zur fünften und letzten Reise nach Paris auf, wo im Mai des darauffolgenden Jahres die Aufführung der Oper Iphigénie en Tauride stattfand, die zu seinem größten Bühnenerfolg wurde. Gluck hatte darin sein erklärtes Ziel, die Verwirklichung der griechischen Tragödie in der Zusammenfassung von Dichtung, Musik und Inszenierung erreicht. Allerdings nahm dieser letzte Aufenthalt in Paris kein glückliches Ende: Während der Proben zum Drame lyrique Echo et Narcisse erlitt Gluck seinen ersten Schlaganfall. Die Premiere des Werks missglückte, was Gluck mit einiger Verbitterung erfüllte und ihn zur Abreise nach Wien bewegte, wo er eine Überarbeitung der Partitur vornahm, die in der Neufassung am 8. August in Paris aufgeführt wurde. Ein zweiter Schlaganfall Ende Mai oder Anfang Juni schränkte seine Arbeitsmöglichkeiten stark ein. Für die von Johann Baptist von Alxinger angefertigte deutsche Übersetzung seiner Iphigénie en Tauride (als Iphigenie in Tauris) bearbeitete er die Partitur von 1774. Anlässlich eines Besuchs des russischen Großfürsten Paul Petrowitsch und seiner Gemahlin Maria Feodorowna in Wien kam es zur Aufführung. Ebenfalls zu dieser Gelegenheit wurde unter der Leitung Salieris erneut die Alceste, die deutsche Bearbeitung von La Rencontre imprévue und Orfeo ed Euridice auf die Bühne gebracht.

Aufgrund seines immer schlechter werdenden gesundheitlichen Zustands nahm Gluck kaum noch am gesellschaftlichen Leben teil. Allerdings besuchte er 1782 eine Aufführung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail und lud den jüngeren Komponisten für den folgenden Tag zu sich nach Hause ein. Eine weitere Einladung an das Ehepaar Mozart folgte nach einem Konzert bei dem Mozart über ein Thema aus La Rencontre imprévue improvisierte. Ob die Besuche tatsächlich stattfanden, ist nicht überliefert.

Am 14. und 15. November 1787 erlitt Gluck drei weitere Schlaganfälle und starb am 15. November in seinem Wiener Stadthaus in der Wiedener Hauptstraße 32. Die Beisetzung fand am 17. November auf dem Matzleinsdorfer Friedhof statt. Bei der Totenmesse wurde Glucks De profundis für gemischten Chor und Orchester unter der Leitung von Salieri aufgeführt. 1890 wurde Glucks Grabmal auf den Wiener Zentralfriedhof überführt.